Eugen Jordi und Emil Zbinden erstellten 1949 im Auftrag der Stadt Bern im Schulhaus Wylergut ein grossflächiges Wandbild. Auf diesem verwendeten die beiden sozialistischen Künstler rassistische Stereotype, die damals auch von der europäischen Linken geteilt wurden. Ausführlicher zum Wandbild im Text von Etienne Wismer, Kunsthistorikers und Präsidenten des Fördervereins Emil Zbinden.

Die Stadt Bern hat 2019 einen Wettbewerb zum Umgang mit diesem Wandbild ausgeschrieben. Mit unserem Gewinnerprojekt ‹Das Wandbild muss weg!› moderieren wir die konservatorische Entfernung des Wandbildes – inklusive den Übermalungen – und seine zeitgenössische Vermittlung im Museum. Pädagogische Formate und öffentliche Anlässe ergänzen das Projekt.

 

Ziel des transdisziplinären Vorhabens ist eine gesellschaftsübergreifende Debatte zum schweizerischen Kulturerbe der Kolonialzeit, eine Reflexion des Nachwirkens von Rassismus in der Gegenwart und ein Beitrag zur zeitgenössischen Erinnerungskultur: Was ist für wen in dieser Stadt «erhaltenswert»? Wer definiert, was als erhaltenswertes Kulturerbe gilt? Wessen Kulturerbe bleibt von dieser Definition ausgeschlossen? Wie hängt die koloniale Vergangenheit mit einer postkolonialen Gegenwart zusammen?

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15. Oktober 2021

Wir nehmen mit Gästen an der Veranstaltung ‹M wie Mauritius, N wie Negieren?!› im Grand Palais Bern Stellung zu Pressestimmen

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11. Juni 2021

Die Stadt Bern gibt dem Projekt grünes Licht

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17. September 2021

Das Projektteams trifft sich mit dem Team des Bernischen Historischen Museums zu einem Workshop

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23. April 2021

Am Wandbild wird eine Sondierungsbohrung vorgenommen

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20. März 2021

Wir stellen das Projekt an der Aktionswoche gegen Rassismus in Bern vor

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18. März 2021

Die Präsidialdirektion der Stadt Bern gibt in einer Medienmitteilung den Ausgang des Wettbewerbs bekannt

Was ist am Wandbild problematisch?

Eugen Jordi und Emil Zbinden haben das Wandbild im Schulhaus Wylergut im Auftrag der Stadt Bern erstellt. Es zeigt eine Bildfolge, die dem Erlernen des Alphabets dient – (fast) jedem Buchstaben ist eine Darstellung zugeordnet. In den meisten Fällen sind dies Abbildungen von Tieren. Drei Buchstaben werden jedoch durch Abbildungen nicht-weisser Menschen visualisiert, die für fremde «Rassen» stehen und somit Tieren gleichgesetzt werden. Ein Effekt des Wandbildes ist also, zeittypische, rassentheoretische Differenzen herzustellen. Dies ist weiter ersichtlich durch die aufgerufenen kolonialrassistischen Fremdbezeichnungen, die heute nicht mehr verwendet werden (Buchstabe «N» für die Schwarze Person, Buchstabe «I» für die indigene Person).

Indem weisse Berner Schulkinder sich mit dem Wandbild nicht nur das Alphabet, sondern damit auch ein imperialistisches Weltbild aneignen, werden sie Teil einer europäischen «Zivilisation», die sich von wilden Tieren und «primitiven Rassen» in der Natur abgrenzt. Auch wenn dies nicht die Intention der beiden Künstler war, muss dieser Effekt in einem heutigen rassismussensiblen Kontext und einem diversen Schulhaus einbezogen werden.

Die rassistischen Bildteile wurden im Sommer 2020 von unbekannten Aktivist_innen schwarz übermalt. Die Umrisse der dargestellten rassifizierten Menschen sind aber noch erkennbar. Sie wurden von den Künstlern in die Wand geritzt. 

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Foto: Attila Janes

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Foto: Vera Ryser

Was geschieht international?

International fordern Initiativen seit längerem eine aktive Konfrontation mit kolonialem und rassistischem Kulturerbe. In Südafrika und Grossbritannien forderten Studierende 2015 die Entfernung von Statuen von Cecil Rhodes, einem der ruchlosesten britischen Imperialisten und zeitweiligen Premierminister der Kapkolonie um 1900, von Universitätsgeländen. Im Sommer 2020 fielen in Grossbritannien und den USA weitere Statuen, die an die Zeit der transatlantischen Sklaverei erinnerten. Schulbehörden entschieden derweil, diskriminierende Darstellungen von Native Americans und Sklav_innen zu entfernen oder zu überdecken (George Washington High School, Brown University und Spence School New York). In Deutschland schlugen Aktivist_innen der Skulptur «Die hockende N…» im öffentlichen Raum Berlins im Sommer 2020 den Kopf ab und entwendeten ihn. Auch in der Schweiz wurde debattiert, wie mit Statuen von Alfred Escher in Zürich oder David de Pury in Neuchâtel umzugehen sei, die beide direkt oder indirekt in die Sklaverei involviert waren. In Bern schliesslich entschied die ehemalige «Kolonialbar» am Kornhausplatz ihren Namen zu ändern, während der Kleiderladen «Kitchener» sich von seinem Logo, «Geronimo» trennte. «Geronimo» war einer der wichtigsten Native American Widerstandskämpfer gegen den US-Imperialismus im 19. Jahrhundert. Ihn für kommerzielle Zwecke zu nutzen, sei falsch, liess «Kitchener» verlauten.

Was bedeutet das für das Wandbild an seinem Standort im Schulhaus Wylergut?

Im März 2019 machten der Berner Rassismus Stammtisch und der Berner «Bund» publik, dass das Wandbild noch stets unkommentiert im Treppenaufgang im Schulhaus Wylergut zu sehen ist. Daraufhin entschied die Stadt Bern im Sommer 2019, einen Wettbewerb zum zeitgenössischen Umgang mit dem Werk auszuschreiben. In der Zwischenzeit übermalten im Juni 2020 Aktivist_innen die rassistischen Bildteile mit schwarzer Farbe und machten sie unkenntlich. Der Gemeinderat der Stadt Bern, der Eigentümerin des Wandbildes und Schulhauses, verzichtete mit Verweis auf die aktuellen Proteste der «Black Lives Matter»-Bewegung auf eine Strafanzeige gegen Unbekannt.

Wir vom Verein «Das Wandbild muss weg!» schliessen uns dem öffentlichen Druck, der sich im Sommer 2020 mit der Black-Lives-Bewegung manifestierte, an und sagen: Auch das Wandbild im Wylergut muss weg. Weg aus dem Schulhaus, denn dort ist es am falschen Ort für eine breite gesellschaftliche Debatte und Kritik.

Stattdessen wollen wir, dass das Wandbild – mit den schwarz übermalten Kacheln – unter konservatorischen Richtlinien entfernt und einem Museum ausgehändigt wird, das die Aufgabe hat, die Geschichte Berns zu verhandeln, mit zeitgenössischem Blickwinkel und unter Berücksichtigung gesellschaftsrelevanter Diskurse. Das Wandbild soll als Beispiel dienen, wie mit den komplexen und verschränkten Entstehungs- und Wirkungsgeschichten von kulturellen Objekten und Abbildungen aus der Kolonialzeit zeitgenössisch umgegangen werden kann und soll. Denn das Wandbild ist nur eines von vielen Kulturgütern, die von der kolonialen Involvierung der Schweiz und dem Fortbestehen kolonialer und rassistischer Denkmuster bis in unseren heutigen Alltag hinein erzählen.

Wie beurteilt die Jury das Projekt?

Was hat das Projektteam vor?

Die Abnahme des Wandbildes ist ein Teil des geplanten Vorhabens, das sich über den Zeitraum von drei Jahren erstreckt: Nach Entfernung des Wandbildes wollen wir an oder neben der Leerstelle eine temporäre künstlerische Installation anbringen, welche den Erinnerungs- und Verlernprozess im Schulhaus begleitet. Die Form dieser künstlerischen Installation wird im Austausch mit Rassismus-betroffenen Menschen und den Projektbeteiligten entwickelt. Mit den Lehrer_innen im Schulhaus Wylergut sucht das Projektteam den Dialog und stellt ihnen und weiteren interessierten Lehrer_innen an Berner Schulen antirassistische Workshops zur Verfügung. 

Wozu dient diese Webseite?

Die Webseite begleitet und dokumentiert den langen Weg zur Wandbild-Abnahme im Schulhaus Wylergut. Sie stellt aber auch Materialien und Hilfestellungen für den antirassistischen Unterricht zur Verfügung. Und sie vernetzt mit ähnlichen Vorhaben, mit gleichgesinnten Kollektiven und Initiativen.

Wer finanziert das Vorhaben?

Folgende Förderinstitutionen unterstützten das Projekt. Wir danken für die grosszügige Unterstützung! Wir sind auf weitere Fördergelder angewiesen und dokumentieren den Finanzierungsfortschritt transparent und fortlaufend (siehe Fundraising).

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