Eugen Jordi und Emil Zbinden haben das Wandbild im Schulhaus Wylergut im Auftrag der Stadt Bern erstellt. Es zeigt eine Bildfolge, die dem Erlernen des Alphabets dient – (fast) jedem Buchstaben ist eine Darstellung zugeordnet. In den meisten Fällen sind dies Abbildungen von Tieren. Drei Buchstaben werden jedoch durch Abbildungen nicht-weisser Menschen visualisiert, die für fremde «Rassen» stehen und somit Tieren gleichgesetzt werden. Ein Effekt des Wandbildes ist also, zeittypische, rassentheoretische Differenzen herzustellen. Dies ist weiter ersichtlich durch die aufgerufenen kolonialrassistischen Fremdbezeichnungen, die heute nicht mehr verwendet werden (Buchstabe «N» für die Schwarze Person, Buchstabe «I» für die indigene Person).

Foto: Attila Janes

Text: Etienne Wismer

Indem weisse Berner Schulkinder sich mit dem Wandbild nicht nur das Alphabet, sondern damit auch ein imperialistisches Weltbild aneignen, werden sie Teil einer europäischen «Zivilisation», die sich von wilden Tieren und «primitiven Rassen» in der Natur abgrenzt. Auch wenn dies nicht die Intention der beiden Künstler war, muss dieser Effekt in einem heutigen rassismussensiblen Kontext und einem diversen Schulhaus einbezogen werden.

 

Im März 2019 machten der Berner Rassismus Stammtisch und der Berner «Bund» publik, dass das Wandbild noch stets unkommentiert im Treppenaufgang im Schulhaus Wylergut zu sehen ist. Daraufhin entschied die Stadt Bern im Sommer 2019, einen Wettbewerb zum zeitgenössischen Umgang mit dem Werk auszuschreiben (Transdisziplinärer Wettbewerb zum Kulturerbe der Kolonialzeit: Das Wandbild Wylergut Bern als Beispiel). In der Zwischenzeit übermalten im Juni 2020 Aktivist_innen die rassistischen Bildteile mit schwarzer Farbe und machten sie unkenntlich. Der Gemeinderat der Stadt Bern, der Eigentümerin des Wandbildes und Schulhauses, verzichtete mit Verweis auf die aktuellen Proteste der «Black Lives Matter»-Bewegung auf eine Strafanzeige gegen Unbekannt.

International fordern Initiativen seit längerem eine aktive Konfrontation mit kolonialem und rassistischem Kulturerbe. In Südafrika und Grossbritannien forderten Studierende 2015 die Entfernung von Statuen von Cecil Rhodes, einem der ruchlosesten britischen Imperialisten und zeitweiligen Premierminister der Kapkolonie um 1900, von Universitätsgeländen. Im Sommer 2020 fielen in Grossbritannien und den USA weitere Statuen, die an die Zeit der transatlantischen Sklaverei erinnerten. Schulbehörden entschieden derweil, diskriminierende Darstellungen von Native Americans und Sklav_innen zu entfernen oder zu überdecken (George Washington High School, Brown University und Spence School New York). In Deutschland schlugen Aktivist_innen der Skulptur «Die hockende N…» im öffentlichen Raum Berlins im Sommer 2020 den Kopf ab und entwendeten ihn. Auch in der Schweiz wurde debattiert, wie mit Statuen von Alfred Escher in Zürich oder David de Pury in Neuchâtel umzugehen sei, die beide direkt oder indirekt in die Sklaverei involviert waren. In Bern schliesslich entschied die ehemalige «Kolonialbar» am Kornhausplatz ihren Namen zu ändern, während der Kleiderladen «Kitchener» sich von seinem Logo, «Geronimo» trennte. «Geronimo» war einer der wichtigsten Native American Widerstandskämpfer gegen den US-Imperialismus im 19. Jahrhundert. Ihn für kommerzielle Zwecke zu nutzen, sei falsch, liess «Kitchener» verlauten.

 

Wir vom Verein «Das Wandbild muss weg!» schliessen uns dem öffentlichen Druck an und sagen: Auch das Wandbild im Wylergut muss weg. Weg aus dem Schulhaus, denn dort ist es am falschen Ort für eine breite gesellschaftliche Debatte und Kritik.

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Stattdessen wollen wir, dass das Wandbild – mit den schwarz übermalten Kacheln – unter konservatorischen Richtlinien entfernt und einem Museum ausgehändigt wird, wo es Teil eines Vermittlungsprogramms zur Berner Kolonialgeschichte und zu kolonialen Kontinuitäten in der Gegenwart wird. Das Wandbild soll als Beispiel dienen, wie mit den komplexen und verschränkten Entstehungs- und Wirkungsgeschichten historischer Objekte und Abbildungen zeitgenössisch umgegangen werden kann und soll. Denn das Wandbild ist nur eines von vielen Kulturgütern, die von der kolonialen Involvierung der Schweiz und dem Fortbestehen kolonialer und rassistischer Denkmuster bis in unseren heutigen Alltag hinein erzählen.

Die Kommission für Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Bern hat auf Empfehlung einer Fachjury hin unser Vorhaben zum Siegerprojekt ihres Wettbewerbs gekürt und die Öffentlichkeit am 19. März 2021 informiert. Die Abnahme des Wandbildes ist dabei ein Teil des geplanten Vorhabens, das sich über den Zeitraum von drei Jahren erstreckt: Nach Entfernung des Wandbildes wollen wir an oder neben der Leerstelle eine temporäre künstlerische Installation anbringen, welche den Erinnerungs- und Verlernprozess im Schulhaus begleitet. Die Form dieser künstlerischen Installation wird im Austausch mit Rassismus-betroffenen Menschen und den Projektbeteiligten entwickelt. Mit den Lehrer_innen im Schulhaus Wylergut sucht das Projektteam den Dialog und stellt ihnen und weiteren interessierten Lehrer_innen an Berner Schulen antirassistische Workshops zur Verfügung. 

 

Diese Webseite begleitet und dokumentiert den langen Weg zur Wandbild-Abnahme im Schulhaus Wylergut. Sie stellt aber auch Materialien und Hilfestellungen für den rassismuskritischen Unterricht zur Verfügung. Und sie vernetzt mit ähnlichen Vorhaben, mit gleichgesinnten Kollektiven und Initiativen.