Der Entscheid der Wettbewerbsjury hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst, die wir hier zu Dokumentationszwecken wiedergeben. Wir distanzieren uns von unsachlichen und verletzenden Äusserungen und begrüssen differenzierte Analysen sowie Stellungnahmen, die von Rassissmus betroffenen Menschen und Kollektiven verfasst sind.

An einer Veranstaltung am 15. Oktober 2021 reagierten Fatima Moumouni und Bernhard C. Schär vom Projektteam auf Einladung von The Exotic (Chonja Lee, Noémie Etinne, Patricia Simon, Etienne Wismer) und Grand Palais auf Kritik zu unserem Projekt, die in der Tageszeitung Der Bund, im Tages-Anzeiger und auf Journal B publiziert wurde. Unterstützt wurden sie von Izabel Barros und Mardoché Kabengele. Dennis Schwabenland las Originalzitate aus den Medienberichten und Kommentaren. Eine Dokumentation der Veranstaltung findet sich hier.

 

 

Strassenmagazin Surprise vom 7. Mai 2021

Moumouni … ist verrückt.

Kolumne von Fatima Moumouni

«Restauratorisch ist unser Vorschlag absurd: Diverse Restaurator*innen sagen, es ginge gegen das Arbeitsethos, ein Kunstwerk durch die Abnahme mutwillig zu gefährden. Das Ganze wird auch ziemlich teuer, das finde ich selbst absurd. Von mir aus könnte man es auch einfach überstreichen und ein neues Bild malen, doch da wären einige Leute beleidigt. 

Also wählen wir den verrückteren, dafür nachhaltigeren Weg: Die Diskussion ins Museum tragen, da wo antiquiertes hingehört, um pluralistisch über Kunst, Erhaltenswertes und rassistische Stereotypen sprechen, während die Kinder nicht weiter mit dem Thema behelligt und vor allem nicht mehr mit dem N-Wort alphabetisiert werden. Für mich macht das Sinn, für diverse Leute ist es vollkommen unnötig, reaktionär und laut einem Zeitungsartikel in der Zeitung Der Bund absurderweise mit der Bücherverbrennung der NS-Zeit gleichzusetzen.

Lieber verrückt, als normal im Sinne einer Gesellschaft, die sich nicht ändern und auf keinen Fall hinterfragen will.»

Der Bund vom 2. April 2021

Das Wandbild muss weg! – Nein!

Gastkommentar von Hans Witschi

 

«In wessen Namen reden die ‹Das Wandbild muss weg!›-Leute? Die Selbstgerechten und ihrer Meinung nach zu Recht Empörten? Im Namen der Allgemeinheit? Statt zu sagen, das geht nicht, lässt man die Gründung eines Vereins zu mit diesem Namen und stattet ihn noch quasi mit ‹Betriebskapital› aus, mit öffentlichen Geldern notabene. Und bestätigt den Beteiligten die Legitimität ihres Tuns, indem man sie in ein offizielles Diskussionsforum einbindet. Das ist ein Skandal. Kaum zu fassen ist ebenso, dass der Gemeinderat für Kunstschändung und Kunstzerstörung Verständnis aufbringt, weil sie angeblich ‹gut gemeint› war.»

 

Journal B vom 27. März 2021

Dekontamination und Entsorgung (Teil II)

Kommentar von Christoph Reichenau

 

«Zugespitzt könnte man sagen: Der eigentlich kolonialistische Akt ist nicht das Bild (dem damaligen Zeitgeist oder dem Offenheitsabsicht der Künstler geschuldet), sondern der Umgang von Jury und Kommission mit der Schule und dem Wylerdörfli. Man nimmt ihnen etwas weg, obwohl sie einen konstruktiven Umgang damit gefunden haben. (...)

Wir brauchen weder Urteilende ohne Selbstzweifel, noch Fachleute, die alles zu wissen meinen. Wir benötigen in der schwierigen Frage des Umgangs mit einem neu einzuschätzenden und zu erklärenden Kunstwerk Einfühlung und Pragmatismus. Das wäre radikal – nicht ein bilderstürmerisches «Weg!», das der wahren Frage durch Abschiebung billig ausweicht.»

Black Switzerland Online Archive vom 21. März 2021

Von rassistischen Symbolen und Widerstand

Englisch: The Racist Symbols and The Resistance

«Wer hält solche rassistischen Symbole in der Öffentlichkeit für erhaltenswert? Und für wen sind sie erhaltenswert? Statuen, Bilder sowie Orts- und Strassennamen, die rassistische und koloniale Geschichte und heutige Realitäten aufrechterhalten wurden historisch von Menschen in Machtpositionen getragen. Wir lehnen nicht nur die rassistischen Bilder und Symbole in Schulen, sondern auch kolonialistische Bildung ab. Wir stellen den Status Quo in Frage, indem wir den Müll entsorgen. Diese Spuren einer tödlichen Vergangenheit, die nicht nur Vergangenheit ist, muss von unserem sichtbaren Umfeld entfernt, und in entsprechenden Archiven verwahrt werden. In den Archiven sollen diese Symbole in einer Weise kontextualisiert werden, dass anstelle der heutigen Entmenschlichung und Entwürdigung rassifizierter und minorisierter Gruppen die Geschichte der rassistischen Institutionen in der Schweiz sowie des Widerstandes klar gezeigt werden. Jene, die diese rassistischen Wandbilder übermalt haben, machten von dem perfekten Ansatz Gebrauch, um unser Schulsystem sowie alle Institutionen zu entkolonialisieren: Schulen als öffentliche Einrichtungen, in denen alle Gruppen anwesend sein, mitmachen, lernen und gedeihen können. Schulkinder sind nicht länger dazu gezwungen, an einer Wand entlangzulaufen, die Entmenschlichung und Gewalt verherrlicht. Stattdessen werden sie an den Widerstand jener Menschen erinnert, die strukturellem und schulischem Rassismus gegenübergetreten sind.»

Der Bund vom 19. März 2021

«Rassistische» Kunst in Berner Schulhaus – Ein radikales Angebot zur Versöhnung

Analyse von Martin Bieri

 

«Warum ist die Verschiebung ins Museum nötig? Bilder konservieren Unrecht und manchmal reproduzieren sie es. Im Fall des Wandbildes von Eugen Jordi und Emil Zbinden ist das der Fall. Ganz besonders gilt das für ein Schulhaus, in dem längst Kinder unterschiedlicher Herkunft ein- und ausgehen und besonders verletzliche Menschen damit konfrontiert sind. In gewisser Weise erkennt dieser Befund sogar die Kraft der Kunst an, über die nicht einfach hinweggesehen werden kann. (...) Was aussieht wie eine Geste der Zerstörung, ist ein Angebot zur Versöhnung. Und ist es nicht das, was die eingangs gestellte Grundfrage, ‹wie heute mit kolonialem Erbe umgegangen werden soll›, beantwortet? Die Kunst kann Formen finden, die uns ermöglichen, zu den begangenen Fehlern zu stehen, ohne sie zu wiederholen, so schrecklich sie sind und so viele wir noch begehen werden. So werden wir, wie das Bild, dorthin kommen, wo wir noch nicht waren.»

barrikade.info vom 14. Juni 2020

fight white supremacy

Stellungnahme

«Wir müssen unser Denken, Handeln und Leben dekolonialisieren. Wir leben in einer rassistischen Welt und das bedeutet jeden Tag dagegen anzukämpfen und nicht wegzuschauen. Solche Bilder und Wörter verletzen, reproduzieren und schmerzen. Warum wird das überhaupt von der Denkmalpflege geschützt? Warum ist das Werk von zwei verstorbenen, weissen Künstlern wichtiger als die unzähligen Stimmen von BIPoC (Black, Indigeneous and People of Color) die das Werk kritisieren und ansehen müssen?

Wir haben das N-, I- und das C- Bild übermalt. Wir wünschen den Lehrpersonen und den Schüler*innen Auseinandersetzungen mit den eigenen Privilegien und Unterdrückungen. Vielleicht ist es an der Zeit neue Fächer zu schaffen, die Beteiligung der schweiz an der Kolonialsierung anzuerkennen und sich aktiv damit auseinanderzusetzen.»