Der Entscheid der Wettbewerbsjury hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst, die wir hier zu Dokumentationszwecken wiedergeben. Wir distanzieren uns von unsachlichen und verletzenden Äusserungen und begrüssen differenzierte Analysen sowie Stellungnahmen, die von Rassissmus betroffenen Menschen und Kollektiven verfasst sind.

 

 

Strassenmagazin Surprise Nr. 499, 7.–20. Mai 2021

Moumouni … ist verrückt.

Kolumne von Fatima Moumouni

«Restauratorisch ist unser Vorschlag absurd: Diverse Restaurator*innen sagen, es ginge gegen das Arbeitsethos, ein Kunstwerk durch die Abnahme mutwillig zu gefährden. Das Ganze wird auch ziemlich teuer, das finde ich selbst absurd. Von mir aus könnte man es auch einfach überstreichen und ein neues Bild malen, doch da wären einige Leute beleidigt. 

Also wählen wir den verrückteren, dafür nachhaltigeren Weg: Die Diskussion ins Museum tragen, da wo antiquiertes hingehört, um pluralistisch über Kunst, Erhaltenswertes und rassistische Stereotypen sprechen, während die Kinder nicht weiter mit dem Thema behelligt und vor allem nicht mehr mit dem N-Wort alphabetisiert werden. Für mich macht das Sinn, für diverse Leute ist es vollkommen unnötig, reaktionär und laut einem Zeitungsartikel in der Zeitung Der Bund absurderweise mit der Bücherverbrennung der NS-Zeit gleichzusetzen.

Lieber verrückt, als normal im Sinne einer Gesellschaft, die sich nicht ändern und auf keinen Fall hinterfragen will.»

Der Bund vom 2. April 2021

Das Wandbild muss weg! – Nein!

Gastkommentar von Hans Witschi

 

«In wessen Namen reden die «Das Wandbild muss weg!»-Leute? Die Selbstgerechten und ihrer Meinung nach zu Recht Empörten? Im Namen der Allgemeinheit? Statt zu sagen, das geht nicht, lässt man die Gründung eines Vereins zu mit diesem Namen und stattet ihn noch quasi mit ‹Betriebskapital› aus, mit öffentlichen Geldern notabene. Und bestätigt den Beteiligten die Legitimität ihres Tuns, indem man sie in ein offizielles Diskussionsforum einbindet. Das ist ein Skandal. Kaum zu fassen ist ebenso, dass der Gemeinderat für Kunstschändung und Kunstzerstörung Verständnis aufbringt, weil sie angeblich ‹gut gemeint› war.»

 

Journal B vom 27. März 2021

Dekontamination und Entsorgung (Teil II)

Kommentar von Christoph Reichenau

 

«Zugespitzt könnte man sagen: Der eigentlich kolonialistische Akt ist nicht das Bild (dem damaligen Zeitgeist oder dem Offenheitsabsicht der Künstler geschuldet), sondern der Umgang von Jury und Kommission mit der Schule und dem Wylerdörfli. Man nimmt ihnen etwas weg, obwohl sie einen konstruktiven Umgang damit gefunden haben. (...)

Wir brauchen weder Urteilende ohne Selbstzweifel, noch Fachleute, die alles zu wissen meinen. Wir benötigen in der schwierigen Frage des Umgangs mit einem neu einzuschätzenden und zu erklärenden Kunstwerk Einfühlung und Pragmatismus. Das wäre radikal – nicht ein bilderstürmerisches «Weg!», das der wahren Frage durch Abschiebung billig ausweicht.»

Black Switzerland Online Archive vom 21. März 2021

Von rassistischen Symbolen und Widerstand

Englisch: The Racist Symbols and The Resistance

«Wer hält solche rassistischen Symbole in der Öffentlichkeit für erhaltenswert? Und für wen sind sie erhaltenswert? Statuen, Bilder sowie Orts- und Strassennamen, die rassistische und koloniale Geschichte und heutige Realitäten aufrechterhalten wurden historisch von Menschen in Machtpositionen getragen. Wir lehnen nicht nur die rassistischen Bilder und Symbole in Schulen, sondern auch kolonialistische Bildung ab. Wir stellen den Status Quo in Frage, indem wir den Müll entsorgen. Diese Spuren einer tödlichen Vergangenheit, die nicht nur Vergangenheit ist, muss von unserem sichtbaren Umfeld entfernt, und in entsprechenden Archiven verwahrt werden. In den Archiven sollen diese Symbole in einer Weise kontextualisiert werden, dass anstelle der heutigen Entmenschlichung und Entwürdigung rassifizierter und minorisierter Gruppen die Geschichte der rassistischen Institutionen in der Schweiz sowie des Widerstandes klar gezeigt werden. Jene, die diese rassistischen Wandbilder übermalt haben, machten von dem perfekten Ansatz Gebrauch, um unser Schulsystem sowie alle Institutionen zu entkolonialisieren: Schulen als öffentliche Einrichtungen, in denen alle Gruppen anwesend sein, mitmachen, lernen und gedeihen können. Schulkinder sind nicht länger dazu gezwungen, an einer Wand entlangzulaufen, die Entmenschlichung und Gewalt verherrlicht. Stattdessen werden sie an den Widerstand jener Menschen erinnert, die strukturellem und schulischem Rassismus gegenübergetreten sind.»

Der Bund vom 19. März 2021

«Rassistische» Kunst in Berner Schulhaus – Ein radikales Angebot zur Versöhnung

Analyse von Martin Bieri

 

«Warum ist die Verschiebung ins Museum nötig? Bilder konservieren Unrecht und manchmal reproduzieren sie es. Im Fall des Wandbildes von Eugen Jordi und Emil Zbinden ist das der Fall. Ganz besonders gilt das für ein Schulhaus, in dem längst Kinder unterschiedlicher Herkunft ein- und ausgehen und besonders verletzliche Menschen damit konfrontiert sind. In gewisser Weise erkennt dieser Befund sogar die Kraft der Kunst an, über die nicht einfach hinweggesehen werden kann. (...) Was aussieht wie eine Geste der Zerstörung, ist ein Angebot zur Versöhnung. Und ist es nicht das, was die eingangs gestellte Grundfrage, ‹wie heute mit kolonialem Erbe umgegangen werden soll›, beantwortet? Die Kunst kann Formen finden, die uns ermöglichen, zu den begangenen Fehlern zu stehen, ohne sie zu wiederholen, so schrecklich sie sind und so viele wir noch begehen werden. So werden wir, wie das Bild, dorthin kommen, wo wir noch nicht waren.»

Jurybericht 

Jurymitglieder: Rohit Jain, Rassismus-Forscher und Kulturaktivist Institut Neue Schweiz INES; Jürg Lädrach: Schulleiter Lorraine/Wylergut; Kathrin Oester, visuelle Anthropologin und Migrationsforscherin, Pädagogische Hochschule PHBern (Prof. em.); Yvonne Wilhelm, Künstlerin und Dozentin Zürcher Hochschule der Künste; Stanislas Zimmermann, Architekt und Mitglied Kommission für Kunst im öffentlichen Raum (KiöR) der Stadt Bern

«Das Projekt formuliert – kohärent in Eingabe und Präsentation – eine einfache Idee. Die Idee ist leicht zu verstehen, auch wenn sie nicht alle sofort überzeugen wird. Die Idee, im Schulhaus das Wandbild zu entfernen und eine Leerstelle zu schaffen, ist radikal, stellt Denkgewohnheiten und gesellschaftliche Normen in Frage und eröffnet neue Perspektiven. Hier stösst ein Kunstprojekt einen experimentellen, institutionellen Prozess an mit einer Vielfalt möglicher Gespräche und (struktureller) Auseinandersetzungen, die sonst so nicht stattfinden würden: in Medien und breiter Öffentlichkeit, in Politik und Stadtverwaltung, in der Schule Wylergut und in der pädagogischen Forschung, in der Disziplin ‹Kunst und Bau›, in kulturellen Institutionen und der Fachwelt von (Kunst-)geschichte, Denkmalpflege und Restaurierung. (...)

 

Das Team geht mit dem Vorschlag an die Grenze des Machbaren, rüttelt an Begriffen wie Urheberschaft und Authentizität. Die geplante Intervention stösst einen ästhetischen und moralischen Prozess innerhalb der Gesellschaft an, um die bestehende Kultur des Vergessens und Verdrängens kolonialer Vergangenheit herauszufordern. Wäre dieser Prozess gescheitert, falls die Dislozierung nicht stattfinden könnte? Könnte auch ein Scheitern eine als erfolgreich zu beurteilende Wirkung haben? Gelten zivilgesellschaftliche Kampagnenstrategien als künstlerische Medien bzw. Praxis? (...)

 

Insgesamt wertet die Jury die Forderung ‹Das Wandbild muss weg!› als gehaltvolles, radikales und zeitgemässes Statement, das Wege aufzeigt, um die im Wettbewerb gestellten gesellschaftspolitischen, kunstwissenschaftlichen, künstlerischen und pädagogischen Fragen kollektiv anzugehen.»